Buchempfehlung Juni 2018

„Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro

Der ruhig erzählte Roman fängt zunächst wie eine ganz normale Internatsgeschichte an: Es gibt die beste Freundin, den gehänselten Außenseiter, Rivalitäten, Eifersüchteleien, die erste Liebe und die Lieblingslehrerin. Doch es gibt immer wieder Hinweise auf die Besonderheit des Schauplatzes und der Internatsschüler, die das Gelände nicht verlassen dürfen. Die Lehrer, die „Aufseher“ genannt werden, lassen die Schüler spüren, dass ihnen ein besonderes Schicksal auferlegt wurde. Die Kinder werden ermahnt,  besonders auf sich achtzugeben, damit sie später die ihnen zugedachten Aufgaben erfüllen können. Wer hier aufwächst muss etwas ganz Besonderes sein. Diese Gewissheit verbindet Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe.
Die Kinder sind alle elternlos, aber sie sind keine Waisen, sondern Klone, geschaffen im Reagenzglas, gezüchtet und aufgezogen als menschliche Ersatzteillager, die später ihre Organe kranken Menschen zur Verfügung stellen werden. Obwohl dies von den Schülern als ganz selbstverständlich hingenommen wird, sind sie voller Sehnsucht nach Leben und Zukunft wie natürlich gezeugte Menschen.

Der Autor erzählt liebevoll und berührend ohne jede skandalisierende Absicht, gänzlich unspektakulär. „Alles, was wir geben mussten“ ist kein als Literatur verkleidetes Pamphlet gegen das Klonen, sondern der Versuch, erzählerisch zu vermitteln was die Produktion von genetischen Kopien für die Betroffenen und für unsere Zivilisation bedeutet. Absolut lesenswert!

Kazuo Ishiguro ist 1954 in Nagasaki (Japan) geboren. In seinem sechsten Lebensjahr wanderte er mit seinen Eltern nach England aus. Dort studierte er später Englisch und Philosophie. Für seinen mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmten Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde ihm 1989 der Booker Prize verliehen. Kazuo Ishiguro lebt in London und erhielt 2017 den Literatur-Nobelpreis.

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